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Dreigliedriges Schulsystem

Wie meinte doch neulich ein niedersächsischer Lehrer zu mir? „Bei euch in Bayern funktioniert das dreigliedrige Bildungssystem noch.â€? Dem kann man schwerlich widersprechen. Und doch sind es die Rot-Grünen – in ihren Ländern für miserable Schulen und Schulsysteme bekannt –, die immer wieder betonen, wie schlecht das selektive bayerische System doch wäre. Viel zu wenige Schüler schließen die Schule mit dem Abitur ab! Nun kann man die Schüler schwerlich intelligenter machen, also muß man die Schule, allen voran das Gymnasium, einfacher machen.

Oftmals wird auch darauf hingewiesen, daß die Arbeitslosenquote unter Akademikern geringer ist als in der weniger ausgebildeten Bevölkerung. Was wäre also naheliegender, als mehr junge Leute studieren zu lassen? Dann löst sich die Arbeitslosigkeit von alleine in Luft auf und wir können uns vor gut bezahlten Juristen, Medizinern, Philosophen und Anglisten gar nicht mehr retten. Diese Logik gleicht einem Obsthändler, der feststellt, daß im Durchschnitt 10% seiner bestellten Waren nicht verkauft werden, sondern im Regal verrotten; bei den Bananen hingegen werden von 20 Kisten immer mindestens 19 verkauft. Der schlaue Händler storniert also sämtliche Bestellungen für Äpfel, Tomaten und Kokosnüsse, ordert fortan regelmäßig 100 Kisten Bananen und träumt schonmal von den schönen Dingen, die er sich vom zu erwartenden Gewinn kaufen kann.

Entscheidend auf die Arbeitslosenquote innerhalb einer Bildungsschicht wirkt sich aus, wie es um das Verhältnis zwischen Arbeitsplätzen und geeigneten Arbeitnehmern steht. Dieses ist derzeit bei (manchen) Akademikern sicher günstiger als zB im Handwerk. Aber trotzdem gibt es auch unter Studierten Arbeitslose – jeder, der mit seinem Studium fertig wird, ist also ein Arbeitsloser mehr; und wenn er doch eine Stelle findet, dann bekommt dafür ein anderer diese Stelle nicht. Die oben dargelegte Logik würde nur funktionieren, wenn eine Masse von unbesetzten Arbeitsplätzen auf die Akademiker warten würde.

Wollen wir das dreigliedrige Bildungssystem weiter funktionieren lassen, dann dürfen wir die Standards gerade nicht aufweichen. Vielmehr muß man die Begabungen und Neigungen junger Menschen frühzeitig erkennen und sie entsprechend fördern; und dazu gehört gerade auch die – oft nicht frei von Streß und Enttäuschung ablaufende – Einteilung in verschiedene Schultypen mit unterschiedlichen Anforderungsprofilen und Ausbildungszielen. Wer eher dem geistigen Studium zugetan ist, soll das Gymnasium besuchen und später auf die Universität wechseln. Wer hingegen handwerklich Interesse und Können zeigt, der muß auch entsprechend gefördert werden.

Diese Selektion ist nicht etwa diskriminierend, sondern respektiert gerade die unterschiedlichen Veranlagungen der Menschen. Alle jungen Leute in eine Einheitsschule zu stecken, verletzt die Individualität und ist auch arbeitsmarktpolitisch schädlich. Die oft gehörte Befürchtung, man presse die Schüler in jungem Alter bereits in feste Rollen, kann ich nicht bestätigen; es zeigt sich in der Regel bereits sehr früh, wie begabt jemand in schulischen Belangen ist. Allerdings muß auch „Spätzündernâ€? die Möglichkeit eröffnet werden, – gegebenenfalls unter Rückstufung um ein Jahr – in eine höhere Schulform zu wechseln, wenn sie sich durch besonders gute Leistungen hervortun.

Trotz der Vorteile des mehrgliedrigen Schulsystems muß man aber Verständnis für alle aufbringen, die lieber das Gymnasium besuchen, obwohl sie danach einen Ausbildungsberuf ergreifen wollen. Viele Arbeitgeber verlangen selbst für relativ einfache oder manuelle Tätigkeiten eine gute Mittlere Reife oder gar das Abitur. Diese Misere läßt sich in erster Linie dadurch lösen, daß die Hauptschüler durch praktische Kenntnisse und langjährige gezielte Hinführung auf einen Ausbildungsberuf einen Vorsprung gegenüber Abiturienten erhalten. Dann werden Arbeitgeber schnell merken, mit welchen Lehrlingen sie besser zurechtkommen.

Dazu gehört aber auch, daß der Ruf der Hauptschulen spürbar verbessert wird. Hauptschulen sind keine „Restschulenâ€?; wer den Qualifizierten Abschluß macht, ist kein Verlierer. Zugegeben: Derzeit ist das Unterrichtsniveau an Hauptschulen oftmals deutlich zu niedrig. Fatal wäre es aber, den Unterricht nun dem Gymnasium anzunähern. Vielmehr muß die oben beschriebene Wende hin zu praktischen Schwerpunkten eingeleitet werden. Dann stört es auch nicht weiter, wenn im Deutschunterricht nicht jeder Klassiker gelesen und in Mathematik nicht jede Rechendisziplin ausführlich durchgenommen wird.

Bevor die von mir angeregten Änderungen durchgesetzt werden können, muß aber erst die Einsicht verbreitet werden, daß Schule nicht dazu da ist, jedem eine möglichst diskriminierungsfreie, einheitliche Bildung zu bescheren. Die Verschiedenheit der Menschen muß akzeptiert und berücksichtigt werden und darf nicht durch ambitionierte Gutmenschen zum Tabuthema gestempelt werden. Vielleicht brauchen wir auch ab und zu die Erinnerung, daß der anfänglich erwähnte Obsthändler nicht unbedingt ein Abitur braucht, aber trotzdem eine sehr wichtige Aufgabe für uns hat – und er diese Aufgabe auch nicht besser erledigen würde, wenn er nach zwölf Semestern staatlich examinierter Nahrungsmittelfachhändler wäre.